als Beispiel für einen Beitrag, dient dieser Artikel von der DASL Jahrestagung in Ulm 2006)
Stadt – Region – Bahn
Zur Gestaltung von Verknüpfungspunkten
Fallstudie Bremen: Linie 6 der Straßenbahn („Technologielinie“)
Beitrag der Landesgruppe Niedersachsen – Bremen zum vorbereitenden Bericht:
Schienenwege sind Teil der Städte – ihre Einbindung in den städtischen Raum so zu gestalten, dass sie nicht trennend, sondern verbindend wirken, ist immer wieder eine Herausforderung. Besonders bei den Verknüpfungspunkten kommt es darauf an, die Verkehrsanlagen und die umgebende städtebauliche Situation in Korrespondenz zu entwickeln. So kann es gelingen, die für das Leben in der Stadt entscheidenden Bereiche positiv zu prägen und zugleich die Attraktivität des ÖPNV- Angebots zu steigern – wie Beispiele aus Bremen zeigen.
ÖPNV in Bremen
Bremen ist lang und schmal – die Stadt erstreckt sich 40 km lang an den Ufern der Weser, die weitere 50km stromabwärts in die Nordsee mündet. Die Stadt kommt aus topografischen Gründen dem Ideal der Bandstadt nahe, einem Leitbild zur rationalen Entwicklung neuer Städte, bei dem Wohn- und Gewerbegebiete in einem schmalen Korridor entlang eines Schienenweges angeordnet sind. Obwohl mit der gestreckten Form ungewöhnlich große Distanzen verbunden sind, eignet sich diese in besonderem Maße für eine wirtschaftliche Erschließung durch Schienenwege.
In Bremen wird ein Straßenbahnnetz von 110 km Länge ergänzt durch Buslinien und ein S-Bahnnetz auf Gleisen der DB, das auch die Region erschließt. Täglich werden 266.000 Fahrgäste befördert – das entspricht 177 Fahrten je Einwohner und Jahr.
Planungen zum Bau einer U-Bahn wurden in den 60er Jahren mit der Entscheidung, das Straßenbahnnetz auszubauen, beendet.
Technologie-Linie 6
Quer zum Siedlungsband Bremens fährt seit 1998 die Straßenbahnlinie 6. Sie verbindet auf einer Strecke von 11 km und im 10-Minuten-Takt (in Stosszeiten 5 Minuten) den Flughafen – am südlichen Stadtrand links der Weser gelegen – mit der Universität – am nördlichen Stadtrand rechts der Weser gelegen. Auf der Mitte der Strecke liegt die Innenstadt mit dem historischen Marktplatz und dem Dom. Dort an der Domsheide und am Bahnhofsplatz steigt man um in die parallel zur Weser fahrenden Linien.
Die Linie 6 wird sehr gern genutzt. Wegen der hohen Fahrgastzahlen werden Fahrzeuge (8achsige Niederflur-Gelenktriebwagen) mit 2,65 m Breite eingesetzt. Der dazu erforderliche Gleisabstand wurde sukzessive im Rahmen von Gleiserneuerungen realisiert. Die Linie ist Versuchsträger für neue betriebliche und tarifliche Technologie.
Die wichtigen Verknüpfungspunkte dieser Straßenbahnlinie – wegen der Technologiestandorte an beiden Enden auch „Technologie Linie“ genannt – wurden in den letzten Jahren neu geschaffen oder neu gestaltet.
Am Hauptbahnhof wurde die Neuordnung der Verkehrsanlagen verbunden mit der Neugestaltung des gesamten Bahnhofsplatzes. Am Flughafen und an der Universität konnten die städtebauliche Situation, die angrenzenden Nutzungen und Gebäude und die Gestaltung der Verkehrsanlagen in enger Abstimmung „aus einer Hand“ entwickelt werden. Dies führte zu leistungsfähigen Lösungen, die der Attraktivität des Verkehrsangebotes zu Gute kommen und den Stadtteil positiv prägen. Die Verknüpfungspunkte Flughafen, Hauptbahnhof und Universität werden im Folgenden vorgestellt.
Verknüpfungspunkt Flughafen
Der Flughafen Bremen ist ein Regionalflughafen für innereuropäische Linien- und Charterflüge mit ca. 50.000 Starts und Landungen und ca. 1,8 Millionen Passagieren im Jahr.
Im Vorfeld des Flughafens wurde in den letzten Jahren die Airport-Stadt entwickelt. Die bereits ansässigen Unternehmen der Luft- und Raumfahrt (EADS) werden ergänzt durch Büro- und Gewerbeflächen. Hinzu kommt ein Ableger der Hochschule Bremen und die Zentrale der Deutschen Flugsicherung. Heute arbeiten in diesem Bereich 5.000 Personen. Die städtebauliche Planung überträgt die orthogonale Struktur der angrenzenden Neustadt auf dieses Areal.
Die Straßenbahn erschließt, auf separater Trasse, diesen Bereich und fährt, dem Bogen des Empfangsgebäudes folgend, direkt vor das Terminal (Architekt G. Schulze und Partner, Bremen). Steigt man auf dem Weg nach Frankfurt oder Mallorca aus der Straßenbahn, sind es nur noch wenige Schritte bis zum Flugschalter. Etwa 6000 Ein- und Aussteiger nutzen täglich dieses Angebot.
Dem Terminal gegenüber, auf der anderen Seite der Haltestelle, liegen das Airport-Hotel und eines der Parkhäuser. Zwischen beiden erstreckt sich in die Tiefe des Quartiers eine Parkanlage (Architekt Kamel Louafi, Berlin), die den stadträumlichen Bezug zwischen Flughafen und Airport-Stadt herstellt.
Verknüpfungspunkt Hauptbahnhof
Seit dem Bau des Empfangsgebäudes im Stil der Neorenaissance um 1890 ist der Bahnhofsplatz als symmetrische Platzanlage mit achsialem Stadtzugang (Bahnhofstraße) angelegt. Die Platzwände wurden teilweise – so durch den neobarocken Bau des Überseemuseums - geschlossen, während andere Platzseiten weitgehend offen blieben. Die stadträumliche Situation wurde belastet durch den Bau der Hochstraße Breitenweg in den 60er Jahren, die den Blick auf die Stadt verstellt.
Der Bahnhofsplatz übernimmt wie überall eine Vielzahl von Verkehrsfunktionen. Täglich frequentieren 60.000 Einsteiger, Aussteiger und Umsteiger diesen Bereich. Der Bahnhofsplatz wurde in den Jahren 1998/1999 grundlegend neu gestaltet. Ziel war die Verbesserung der Verkehrsabläufe und die Steigerung der Leistungsfähigkeit dieses belebten Umsteigepunktes. Haltestellen für 6 Straßenbahnlinien, 5 Buslinien und 15 Regionalbuslinien waren unterzubringen. Ziel war ebenso die städtebauliche Ordnung des räumlich diffusen Bereiches.
Auf der Basis von städtebaulichen und verkehrlichen Studien wurde eine Lösung in einem Wettbewerb gefunden (Preisträger Hannelore Kossel mit Quick, Beckmann Quick / Berlin). Die Neuordnung umfasst:
· die konzentrierte Anordnung der Haltestellen für Bahnen und Busse an drei parallelen Gleispaaren
·
- Bahnsteige mit gläsernem Wetterschutz, Info-Pavillion und Kiosken
· die Anordnung der Taxenvorfahrt beidseits des Empfangsgebäudes
· Neue Haltestellen für Regionalbusse
· Verlagerung der Reisebusse
· Anlage eines vielfältig nutzbaren Rasenplatzes vor dem Überseemuseum – für einen Bahnhofsplatz ein überraschendes, im Gebrauch aber bewährtes Motiv.
Mit der Einrichtung der Bahnhofspassage wurden erstmals Nord- und Südseite des Bahnhofs verbunden. Westlich des Empfangsgebäudes wurde ein Fahrrad-Parkhaus mit 400 Plätzen, östlich ein Hotel errichtet. Die Realisierung eines Geschäftsgebäudes südlich der Haltestellen und östlich der Bahnhofsstraße, das den Platzraum entsprechend der Gründerzeitplanung symmetrisch schließen würde, steht noch aus.
Verknüpfungspunkt Universität
Die Universität Bremen wurde in den 60er Jahren als Campus am Stadtrand gegründet. Seit den 80er Jahren entwickelt sich im Umfeld ein Technologiepark, der die städtebauliche Großform der Universität durch rasterförmige konventionelle Stadtstrukturen arrondiert. Heute arbeiten hier – neben den ca. 20.000 Studenten – ca. 6.000 Personen in ca. 300 Firmen.
Die Straßenbahnlinie 6 erschließt den Stadtteil und führt mitten durch den Campus. Die Einrichtung der Haltestelle bot Anlass, den Zentralbereich neu zu gestalten. Das seit der Gründungsphase unveränderte Erscheinungsbild – hier vor allem durch wuchtige Betondächer und –brücken geprägt, die Licht und Blicke blockierten – wurde immer kritischer gesehen. Bei der Gestaltung der Haltestelle, die neben der Straßenbahn auch 4 Buslinien anfahren, galt es, zugleich das Gesicht der Universität an dieser wichtigen Stelle neu zu definieren. Voraussetzung dafür war der radikale Rückbau von Gebäudeteilen und damit die räumliche Öffnung.
Von der Straßenbahn gelangt man unmittelbar in die neue Glashalle. Sie ist Ankunftsort und Treffpunkt für die Besucher der Universität, der auch Dienstleistungen und Läden anbietet. Die transparente, reduzierte Architektur der Glashalle (Jan Störmer Architekten) steht in Kontrast zu der kraftvollen „brutalistischen“ Betonarchitektur der vorhandenen Universitätsgebäude. Eine breite, in der Glashalle gelegene Treppe führt von der Haltestelle auf die obere Fußgängerebene, die große Teile der Universität erschließt. Haltestelle und Glashalle haben sich – in unmittelbarer Nähe der Mensa und der Bibliothek gelegen – zu einen attraktiven Entree des Stadtteils entwickelt. Fast 10.000 Fahrgäste (Ein- und Aussteiger) werden hier täglich gezählt.