Jahrestagung 2009 Bremen “Bilder der Stadt”

DASL Jahrestagung 2009 in Bremen

Themenvorschlag

Die Landesgruppe Niedersachsen-Bremen der DASL schlägt dem Präsidium und der Akademieversammlung vor, für die 2009 in Bremen stattfindende Jahrestagung folgendes Thema zu wählen:


Bilder der Stadt –
Ästhetische Dimensionen der Stadtgestalt

Vorbemerkung

Städtebau ist immer auch Bildproduktion. Er nimmt – programmatisch oder unbewusst – Bezug auf Vorstellungen und Bilder in unseren Köpfen. Das gilt in gleicher Weise für Städte, Landschaften und einzelne Bauten. Städtebau wird als gelungen angesehen, wenn (auch, mindestens) die Bilder stimmen. Das verbreitete Unbehagen gegenüber den Ergebnissen von Stadtplanung in Deutschland (seit der Kritik an der „Unwirtlichkeit der Städte“, A. Mitscherlich) war auch immer Kritik an den missratenen Bildern…und die Frage war und ist: was sind denn „wirtliche“ Städte? Mit “Stadtbild” und “Stadtgestalt” wird den Verfahrensaspekten von Planung ein wichtiger qualitativer Aspekt planerischen Handelns gegenübergestellt. Dies soll den Blick auf die ästhetischen Dimensionen der städtischen Umwelt richten und zur Suche und Darstellung neuer strategischer Ansätze für Stadtqualität auffordern. In einer Phase deutlich erkennbarer Pluralisierung und gleichzeitiger Deregulierungstendenzen – dies besonders im Hinblick auf Gestaltungsziele - lohnt es sich deshalb der Frage nachzugehen, welche Rolle Werte und Qualitäten in städtebaulichen Planungen unterschiedlicher Epochen gespielt haben und in künftigen Planungen spielen sollen.

Das Thema

Seit den frühen Jahren unserer Profession gehörte der „Städte-Bau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“ (C. Sitte) zu den Kernanliegen. Gemeint waren Ausdruck, Harmonie und Erinnerungswert des Stadtbildes. Städtebauliche Entwürfe der Gründerzeit, der Gartenstadtbewegung und des Heimatstils folgten jeweils eigenen Bildprogrammen. Auch im Städtebau des Funktionalismus, eigentlich und erklärtermaßen bildabstinent, spielen bei näherem Hinsehen die Bildmotive der Moderne eine entscheidende Rolle.

In Reaktion auf die Bilderarmut der „Containermoderne“ (H. Klotz) führten Nostalgie und Postmoderne auch im Städtebau zu „gebauten Bildern“. Eine Reihe von Autoren richtete die Aufmerksamkeit auf Bildaspekte der Stadt (G. Cullen, K. Lynch, M. Trieb). Nach einer vorübergehenden Erschöpfung - vielleicht auf Grund von Beliebigkeit und Bildinflation – ist heute eine verstärkte Bedeutung der Bildeigenschaften von Projekten und Entwürfen zu beobachten. Beispiele sind die Prospekte der Immobilienwirtschaft oder die öffentliche Diskussion über die Rekonstruktion historischer Gebäude und Stadtansichten.

Bildaspekte spielen eine zentrale Rolle für die Vermittlung und Durchsetzung von Planungen und Projekten und damit mittelbar auch für den Entwurf. Der Wettbewerb zwischen den Städten und die öffentliche Diskussion über Projekte wird vor allem über die Medien und damit auch durch die Präsentation von Bildern ausgetragen. Die Auseinandersetzung erlangt eine politische Dimension: Bilder der Stadt werden zum „Politikum“.

Im Medienzeitalter kann „ästhetisches Denken“ (W. Welsch) als realistisches, weil der Wirklichkeit angemessenes Denken gelten. Die schematische Trennung in Sein (auf das es ankommt) und Schein (auf den es weniger ankommt) führt hier nicht weiter. Die Bilder sind mehr als Oberfläche. Am Umgang mit Objekten der Kunst haben wir gelernt, Dinge und Ereignisse der Umwelt zu Objekten der Imagination zu erheben (M. Seel). Spricht man von Bildsprache, so ist damit der Anspruch verbunden, zu verstehen und verstanden zu werden. Dabei kommt es natürlich auch zu Missverständnissen, Missklängen und Sprachlosigkeit. Wie werden oder bleiben wir sprechfähig?

Was ist ein Bild?

Unter dieser Frage hat sich angesichts der zunehmenden Bildlastigkeit unserer Zeit die Kunstwissenschaft mit Eigenschaften und Wirkungen von Bildern beschäftigt (u.a. G. Boehm). Es ist die Rede von einer neuen „Bildwissenschaft“. Dabei werden reale Objekte (hier: das Erscheinungsbild der Stadt) mit inneren Bildern, Vorstellungen und Erinnerungen und mit Abbildungen in Kunst und Medien in Beziehung gesetzt. Kann die Bildwissenschaft die Bildhaftigkeit von Architektur, Stadt und Landschaft thematisieren? Kann sie helfen, mit Eigenschaften und Wirkungen von Bildern der Stadt angemessen und reflektiert umzugehen (Bildkompetenz)?

Wer macht Bilder?

Jenseits der Welterbestätten und Postkartenansichten ist ein Konsens über ein Idealbild und ein gemeinsames Verständnis, was ein gelungenes Bild ausmacht, in unserer individualistischen und pluralistischen Gesellschaft nicht vorauszusetzen. Wer hat und nutzt die Medienmacht, sein Bild durchzusetzen? (s. auch die Thematik der Jahrestagung: „Wer plant, wer baut die Stadt?“). Bei der Beschäftigung mit den „Bildern der Stadt“ darf allerdings der sozialpolitische Kern von Stadtentwicklung nicht verloren gehen, nämlich Beiträge zur Lösung unbewältigter Probleme zu liefern, wie die soziale Spreizung der Gesellschaft, Fremdbestimmung durch Globalisierung, Ausgrenzung und Gegenreaktionen von Minderheiten (S. Herlyn).Kann der Stadtplaner zu dieser Problematik überhaupt noch etwas beitragen oder ist er schlichtweg überfordert?

Vorschlag

Vor dem Hintergrund dieser Beobachtungen und Fragen wird vorgeschlagen, die Bildaspekte von Stadt (in gleicher Weise von Architektur und Landschaft) in den Blick zu nehmen. Für die Außenwirkung der DASL und der Jahrestagung ist ein Thema hilfreich, aus dem sich an Politik und Öffentlichkeit gerichtete Aktivitäten ableiten lassen. Als Vorschlag sei hier genannt eine “Bremer Erklärung zur Planungskultur”, deren Inhalt bis zur Tagung erarbeitet wird. Dies sollte so rechtzeitig geschehen, dass sie auch Gegenstand der Beiträge / Referate der zur Jahrestagung eingeladenen Referenten werden kann.

Themenschwerpunkte

Vorschlag für die zweijährige Vorbereitungszeit der Landesgruppen und für den vorbereitenden Bericht zur Jahrestagung: Ausgehend von dem bisher verfolgten Konzept, dass jeweils zwei Landesgruppen Beiträge zu inhaltlichen Teilaspekten vorbereiten, wird hier vorgeschlagen, Teilaspekte des Themas vier Schwerpunkten zuzuordnen.

Themenschwerpunkt 1: Bildsprachen des Städtischen

> Leitbilder und städtebauliche Bildprogramme, Heimatkult, Traditionalismus, Regionalismus, Postmoderne, Neomoderne, Klassizismus, New Urbanism, „Europäische Stadt“.

> Die Bildsprache des Städtischen: Vorbilder, Nachbilder, Abbilder, Sinnbilder, innere Bilder.

> Bildwissenschaft und Kunst-Erfahrung zur Fortentwicklung ästhetischen Denkens.

Themenschwerpunkt 2: Stadtgestaltung als planerisches Handlungsfeld

> Bildstrategien, Bildpolitik, Bildkompetenz, Branding.

> Stadtgestaltung: Formgebung vs. Formfindung. > Inflation der Bilder, Verführung durch Bilder, Maskerade und Kulissen (Denken in „Veduten“, Skyline als Zeichen etc.).

Ø Stadtbilder als Ziel und Maßstab für städtebauliche Projekte.

Themenschwerpunkt 3: Stadtbild und Öffentlichkeit

> Lebensstile, Bilderwartungen und die Qualität der gebauten Umwelt.

> Öffentliche Räume und Stadtbilder europäischer Städte – Tradition als Zukunftsmodell?

> Rekonstruktion von historischen Stadtbildern: Beispiele aus Dresden, Frankfurt, Braunschweig, Berlin, etc. > Stadtpark und Biotop: Landschaft in der Stadt als Bild der Natur

Themenschwerpunkt 4: Stadtbild und Politik

> Die Rolle ästhetischer Faktoren in der Stadtpolitik: Die „schöne“ Stadt als Ziel der Stadtpolitik

> Stadtbilder und ihre Rolle für Stadtmarketing und Tourismus, ihre Medienpräsenz und Medieneignung.

> Stadtinszenierung und Immobilienvermarktung durch bildmächtige oder trendige Architektur: Prospektwirkung und Machtanspruch.

> Stadtbild und Simulation der Stadt. Form follows function follows image. Der Einfluss Bilder reflektierender und produzierender Verfahren auf städtebauliche Entscheidungen.

Zur Organisation der Jahrestagung

Die Veranstaltung wird dann produktiv, wenn es gelingt, die Sicht “von innen” der DASL (Mitglieder / Arbeitsgruppen) mit der “von außen” (Adressaten / Öffentlichkeit / Politik) zu verbinden. Dafür wäre hilfreich, wenn die vorgeschlagene “Bremer Erklärung zur Planungskultur” so rechtzeitig vorliegen würde, dass sich Unterstützer und Adressaten mit ihr schon zur Jahrestagung auseinandersetzen können. Da zwei Jahre für die Vorbereitung zur Verfügung stehen, erscheint das möglich. Zu Unterstützung sollen Beiträge “von außen” eingeladen werden durch Referenten aus den Bereichen:

> Kunst- und Kommunikationswissenschaft,

> Medien und Publizistik,

> Immobilienwirtschaft,

> Kunst und Kultur,

> Städtebau und Architektur.

Adressaten für die Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der Tagung sind im wesentlichen Politiker aller Entscheidungsebenen, Wissenschaft und die Bürger als Stadtbewohner.

„Man muss sich immer vor Augen halten, dass die Argumentationen, Städte seien wichtige Instrumente der Zivilisierung, die nicht als Zentren für wuchernde Randstädte missbraucht werden dürften, ein durchdachtes Design beeinflusse die sozialen Bedingungen zum Besseren wie zum Schlechteren und die Architektur sei das Kernstück jeglicher Stadtplanung, sich seit dem frühen 19. Jahrhundert nicht geändert haben und bis auf den heutigen Tag gelten. Aber auch die Kritik arbeitet seit eh und je mit den gleichen Argumenten: Man müsse sich hüten vor allumfassenden Lösungen, vor allem vor solchen, die soziale und gestalterische Probleme in einem Zug lösen wollen und deshalb die physischen, kulturellen und menschlichen Unterschiede ignorieren und das Recht des Einzelnen unter das Allgemeinwohl stellen.“(Michael Sorkin, Stadtbauwelt 174, Juni 2007, S. 15)

2. Oktober 2007 Landesgruppe Niedersachsen / Bremen Eppinger, Lemmen, Steuer (red.)

Literatur/Material zum Themenvorschlag „Bilder der Stadt“

Susanne Hauser, Christa Kamleithner: Ästhetik der Agglomeration, Wuppertal 2006

Achim Spelten: Sehen in Bildern. Eine Analyse zum Verhältnis von Bildwahrnehmung und Zeichenfunktion. in: Ingeborg Reichle u. a. (Hg.): Verwandte Bilder. Die Fragen der Bildwissenschaft, Berlin 2007

Ferdinand Oppl (Hg.): Bild und Wahrnehmung der Stadt, Linz 2004

Susanne Hauser: The Aesthetics of Urban Landscapes. In: Institute for Landscape Architecture,

ETH Zürich (Hg.):Landscape Architecture in Mutation, Zürich 2005

Tom Holert: Bildfähigkeiten. Visuelle Kultur, Repräsentationskritik und Politik der Sichtbarkeit, in: ders. (Hg.):Imagineering. Visuelle Kultur und Politik der Sichtbarkeit, Köln 2000

Wolfgang Kaschuba (Hg.): Der deutsche Heimatfilm: Bildwelten und Weltbilder, Tübingen 1989

Rem Koolhaas: Die Stadt ohne Eigenschaften. In: ARCH PLUS 132, 1996

Thomas Sieverts: Zwischenstadt. Zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land, Braunschweig 1997 www.zwischenstadt.net www.stadtgeschichtsforschung.at Michael Müller,

F. Dröge: Die ausgestellte Stadt, Bauwelt Fundamente 2006 Rekonstruktionen. Kann man Geschichte bauen? Deutsches Architektenblatt 09/07, darin: Bettina Rudhof: Goldenes Lämmchen. Frankfurts geplante Altstadtrekonstruktion

Roland Stimpel: Stein oder Bild. Rekonstruktionsprojekte unter Denkmalpflegern umstritten

Einen Kommentar schreiben

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.